Ich bin durch Gärten gelustwandelt, die schöner sind als das Paradies. Ich muss natürlich zugeben, das Paradies nicht zu kennen, aber ich lege auch keinen Wert darauf, es in absehbarer Zeit kennenlernen zu wollen. Ich sehe keinen Grund dafür, solange es Gärten wie „La clé du temps“ („Der Schlüssel zur Zeit“) gibt, den Geneviève und Alain auf einem Hektar wallonischen Bodens mit einer Gabe erschaffen haben, die fulminant ist! Ich würde die Beiden nach einem bislang einmaligen Treffen nicht als gute Freunde bezeichnen (ihren Himbeeren futternden Hund Yago schon eher; wir mögen uns sehr, wir sind auf einer Wellenlänge, wir lassen uns beide gerne kraulen), aber ich glaube, ich bin nah dran, dies nach dem nächsten Besuch tun zu dürfen, und der wird bald sein. Geneviève und Alain, zwei Belgier, die bei Rochefort in der Ardennenlandschaft ein strahlendes Beispiel himmlischer Gartenkunst auf Erden bieten. Wie es sich gehört, präsentieren sie es nicht in einem Anfall von übersteigertem Stolz, sondern zeigen es mit Würde und Zufriedenheit, erzählen davon, wie sie was und wo auf welche Weise gepflanzt haben, berichten von ihren Projekten, denen, die gewesen, und solchen, die kommen. Dabei leuchtet das gesamte Areal nicht allein ob seiner Blütenvielfalt – 1000 und mehr Rosen muss man als Besucher ja auch erst einmal auf die Reihe kriegen –, sondern es strahlt von ganz weit innen heraus, vermutlich aus tiefstem Herzen seiner Schöpfer, so kommt mir das vor, bis weit hinauf zu den Sternen.
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Einen Garten zu haben, das bedeutet, der Seele ein Zuhause zu geben. Der Garten „La Clé du temps“ ist ein solches Zuhause, ein sehr großes. Es geht aber kleiner, es reichen ein paar Quadratmeter. Hauptsache, man wird nicht müde, sie als Freude denn als Verpflichtung zu verstehen. Auf diesem Boden zu pflanzen, zu gießen, zu ernten, zu grubbern, zu graben, zu harken, das ist keine Arbeit, sondern sollte Vergnügen sein. An heißen Sommertagen wie auch dann, wenn wir unsere Fingerkuppen nicht mehr spüren, weil es bitterkalt ist. Wenn wir in der Lage sind, das zu schaffen, leuchtet unser eigener Garten auch aus geheimnisvoller Tiefe. Wie bei Geneviève und Alain. Und Yago.
Herzlichst, Ihr
Jens F. Meyer



