Rock ‘n‘ Roll im Staudenbeet

Wie die „Wilden“ gut integriert werden

VON JEAN LEGRAND

Wilde Möhre, Giersch und Wiesenschaumkraut kommen für klassisch-traditionell gärtnernde Menschen, deren unbedingter Wille es ist, ihre Beete von allem nicht geplanten Grün fernzuhalten, kaum in Frage. Jetzt kommt das Aber: Wildstauden erfreuen sich (endlich) größerer Beliebtheit; wenngleich sie also nach wie vor das Image des Unkrauts nicht ganz loszuwerden scheinen, werden sie plötzlich trotzdem in gemischte Staudenbeete integriert. Das ist gut so, weil sie nicht nur einen optischen Mehrwert, sondern für Insekten und Menschen (Giersch schmeckt!) einen lukullischen Nährwert besitzen.

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Heimische Flora lockt heimische Fauna an, sagt Matthias Großmann, Inhaber von Stauden-Junge in Wehrbergen, wo am morgigen Samstag beim Frühlingsfest ohne Zweifel auch Wildstauden im Fokus des Interesses stehen. „Ich bin ein großer Fan davon, sie mit Gefühl und Weitsicht in gemischten Staudenpflanzungen zu integrieren“, sagt der Fachmann. Mit „Gefühl und Weitsicht“ bedeute, sie als Ergänzung zu verwenden, ohne ihnen die Oberhand zu überlassen. Ein harmonischer Garten brauche „ein paar Wilde“, denen es gestattet sein darf, durch die Beete zu mäandern und sich dort niederzulassen, wo es ihnen gefällt. Alles besser als blanke Erde. Sein persönlicher Liebling ist das purpurne Leinkraut (Linaria purpurea), das unermüdlich von Juni bis in den Oktober in schönstem Violett blüht und von Insekten geliebt wird. Es hat nadelartiges Laub und wird 60 bis 80 Zentimeter hoch. Alternativ gibt es die Sorte ’Canon Went‘, die rosa blüht. Aber genau darin befindet sich ja der große Unterschied: nicht nur Hybriden, Sorten und Selektionen zu pflanzen, sondern die wilde Ursprungsform: Wiesensalbei (Salvia pratensis), heimischer Dost (Origanum vulgare), Acker-Witwenblume (Knautia arvensis) … Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Beete mit den „Wilden“ zu bereichern, ohne die Ordnung zu zerstören.

Sie robben mit Ausläufern voran oder säen sich reich aus; man muss also schon auch aufmerksam sein, um hier und dort regelnd einzugreifen, aber letztlich besteht ja ohnehin genau darin der Segen des Gärtnerns: im Tun! Mit Wildstauden zieht Rock ’n‘ Roll ins Beet ein, entsteht eine Dynamik, verändern sich Verhältnisse im Kleinen von Jahr zu Jahr, kommt nie Langeweile auf. Wie kleine, helle Flammen züngeln die gelben Blüten des Gewöhnlichen Leinkrauts (Linaria vulgaris) hervor, wie Lichterglanz mischen sich die lockeren Blütentrauben des Wiesenschaumkrauts (Cardamine pratensis) hellrosa bis weiß hinein ins junge Aprilgrün. Nein, es ist kein Unkraut, es ist schiere Schönheit.

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BEETGEFLÜSTER

Ein Traum von Wiesenschaum

Das Wiesenschaumkraut liebe ich. Ich liebe es, weil es sich im Garten entzückend verteilt, ganz so, wie es das in der freien Natur auch macht. Weil der Garten nach meinem Dafürhalten keine unfreie Natur sein soll, räume ich Cardamine pratensis ein, sich auszusäen, wie es will, ja, ich mähe deshalb in den ersten Wochen des Frühlings nicht einmal die Rasenkanten, wo es sich anscheinend besonders wohlfühlt. Weil die meisten Stauden noch nicht bis zur Blüte gelangt sind, sondern dem entzückten Blick erst einmal (nur) alle Farben Grün bieten, ist die Freude über die Couleur des Schaumkrautflors zwischen weiß und zartrosa ein besonders wertvoller Happen für die noch vom Winter leicht umhauchte Seele, die nun nach Lenz und Sommerwärme trachtet. Allein: Ich erblicke wenig Wiesenschaumkraut in anderen Gärten und sorge mich. Jeden Tag komme ich an einem Vorgarten vorbei, in dem ein paar blanke Steine stehen, die aussehen, als ob Fluffi hier seine letzte Ruhe gefunden hätte. Rundherum Kies. So ähnlich sieht der Parkplatz des Arbeitsamts aus. Jedenfalls: kein Wiesenschaumkraut. Es hat dort keine Chance.

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