Ich habe einen Pfirsichbaum gepflanzt. Zweieinviertel Jahre ist das her, es war März und ein Mitbringsel, ein Steckling, des Weinguts, dessen Rieslinge und Seccos mir auch solche Gartentätigkeiten – selbst trocken ausgebaut – versüßen, die ich nicht so mag. Bäumchen pflanzen mag ich aber, den Pfirsich habe ich danach dennoch mit einem guten Tropfen willkommen geheißen. Also, er bekam Wasser, ich den guten Tropfen, ist klar.
Ich kenne die Familie Balzhäuser aus Alsheim bei Worms seit 25 Jahren. Ich war dankbar, ein so schönes Geschenk von ihnen entgegennehmen zu dürfen, nebst einer Lieferung von wohl fünf Dutzend Flaschen, wenn ich mich recht entsinne. Aber nun ja: Niedersachsen ist nicht Rheinland-Pfalz und ungeachtet der klimatischen Veränderungen (noch) nicht vom Weinbauklima geprägt wie Rheinhessen. „Ich versuch’s! Ich halte Ausschau nach dem besten Platz, den ich in unserem Garten finden kann“, versprach ich. Heute kann ich behaupten, diesen besten Platz wohl gefunden zu haben, sonnig stehend vor einem Sichtschutzzaun zwischen zwei Rosen, wo sich die Wärme fängt, geschützt vor Sommerstürmen und kalten Winterwinden und in einem durchlässigen, aber guten Boden. Aus dem einen Meter Gehölz, das in einem Fünf-Liter-Topf zwischen Weinkisten den Weg nach Hameln fand, sind vier Meter geworden.
Und er trägt, dieser Wunderbaum! Ich hege meine Zweifel, dass er die Früchte auch wirklich bis zur geschmacklichen Fülle und Süße ausreifen lässt, aber ich warte geduldig und ohne jegliche Erwartung. Das mache ich oft so; ich pflanze, ohne die Stauden, Zwiebeln, Gehölze und mich unnütz unter Druck zu setzen. Sollen sie erst einmal ankommen am neuen Standort, dann sehen wir weiter. Umso größer ist die Freude, wenn sie sofort mit dem loslegen, was man als Gärtner nur stillschweigend erhofft hatte, ja, manchmal noch nicht einmal das; ich hatte in meinen kühnsten Träumen jedenfalls nicht erwartet, dass er schon blühen würde, der „Weinbergspfirsich“, aber er tat es in diesem Frühling, und das war außergewöhnlich. Ich kenne andere Beispiele. Vor acht Jahren hatte ich die Pfingstrose ‚Sarah Bernhardt‘, benannt nach der französischen Schauspielerin, mit viel gutem Kompost und Liebe an einen herrlich sonnigen Ort gesetzt, doch geblüht hat die Diva bis heute nicht. Vielleicht sollte ich die Sache, grundsätzlich erst einmal nichts zu erwarten, noch einmal überdenken.
Obgleich der filigran und gleichwohl forsch aufstrebende Prunus persica wie alle seine Brüder und Schwestern an der Kräuselkrankheit leidet, so hat er sie doch im Griff (und ich auch – schon im Februar pflegerische Maßnahmen eingeleitet), nur ein paar Spitzen sind betroffen, die kann man wegnehmen oder es auch sein lassen. Die Früchte indes, sie werden größer und sehen zauberhaft aus. Also, in meinen Augen tun sie das, weil ich die Geschichte dieses Bäumchens dauerhaft in mir trage. Nach dem Gold für die Kehle also auch Gold für die Seele, wenn man so will. Ich vermute, dass meine Frau, wenn ich es nicht merke, klammheimlich mit den Früchtchen spricht und ihnen das Allerbeste wünscht, damit sie saftig werden. Schatz, ich mache das auch, es ist vollkommen normal.
Herzlichst, Ihr
Jens F. Meyer

