BEETGEFLÜSTER

Regen fällt wie Liebe auf uns herab

Ich habe keinen blassen Schimmer, warum sich so viele Menschen darüber aufregen, dass Regen fällt. Regen ist göttlich, Regen ist die Seele unseres Seins; diese Formel gilt ausdrücklich nicht für lumpiggraue Novemberstunden zwischen Volkstrauer- und Totensonntag, wo mir das himmlische Nass ausnahmsweise auch mal auf den Keks geht, sondern dann, wenn wir es alle brauchen: in Frühling und Sommer. Ich freue mich über jeden sanften Tropfen, der nichts zerstört, über leise, wohlige und kräftigere Schauer, die sich nachts in meine Träume mit hineinschleichen und am Morgen wie silberne Perlen in den Blattachsen von Sedum und Hosta die ganze Schönheit der Natur in einem minikleinen Zwergensee widerspiegeln. Was uns der Himmel schenkt, ist kostbarer als Gold und Platin. Wenn ich sehe, wie Silberkerzen und Wasserdost in Jahren, in denen schon der Lenz staubt und ein heißer Sommer folgt, nicht bis zur Blüte kommen, dann wird mein Beetgeflüster zum innerlichen Aufschrei maximaler Enttäuschung. Im vergangenen Jahr sahen die beiden nach Frische trachtenden Prachtstauden und einige andere Aspiranten, die ähnliche Bedingungen für ein vitales Wachstum benötigen, aber sehr gut aus, weil es genug geregnet hatte. Während also um mich herum Menschen, die Gärten grundsätzlich nur als Grasfläche (aner)kennen und sich für die Flora ungefähr so viel interessieren wie für diese Zeilen hier, erste Anzeichen von Popanzpsychosen zeigten, war ich unheimlich froh und glücklich. Und auch jetzt, da Petrus très humide sein Tagwerk verrichtet, richten sich diese Pflanzen mit kräftigem Wuchs wie ein großes Orakel vor mir auf, das mir sagen will: „Ich schenke Dir in einigen Wochen und Monaten einen Blütenreichtum, von dem Du noch in Sommern erzählen wirst, in denen Dürre herrscht und wir nicht bis zu diesem Niveau kommen.“

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Die Tonnen sind gefüllt. Ich stelle jetzt Maurerkübel dazu und bunkere. Es ist ungewöhnlich, dass eine solche Tätigkeit zu einer Herzensangelegenheit werden kann, weil es so profan klingt. Aber in dieser durch und durch digitalisierten Welt sind es zunehmend die einfachen Dinge, die ich als besonders wichtig erachte. Wassermanagement im eigenen Garten gehört dazu. Die Bedeutung von Sommerregen, der niemals eine Bürde, sondern ein Geschenk ist, solange er keine zerstörerischen Auswüchse annimmt, ist ehrlich und wahrhaftig. Überdies vermag sie selbst in der Poesie eine besondere Rolle spielen zu können. „Love comes over me falling like summerrain“, röddert David Coverdale als Sänger der Hardrockband Whitesnake auf die sanfte Tour heraus. Liebe fällt wie Sommerregen auf mich.

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Selbst von Goethe und Schiller kenne ich nichts Vergleichbares, das mir die Bedeutung der Silbertropfen so tief in mein Herz pflanzt. Und wenn es nun nur einen einzigen Leser gibt, den ich heute davon überzeugen kann, dass ein guter Sommer genügend Regen benötigt, bin ich noch einen Tropfen glücklicher.

Herzlichst, Ihr Jens F. Meyer