VON RUDI RUDOLPH
Käfer fahren, das bedeutete früher, die große Freiheit genießen. Unser Autor Rudi Rudolph erinnert sich genau an seine ersten Kugelporsches. Ein Rückblick in gute, alte automobile Zeiten.
WESERBERGLAND. „Die ersten Jahre meines automobilen Lebens waren von Käfern begleitet. Nachdem ich schon als Kind mit einem VW Käfer auf Feldwegen herumgegurkt war, entpuppte sich auch mein erster Fahrschulwagen als Käfer. Drei Fahrstunden musste ich hinlegen, von denen mir noch heute eine Autobahnfahrt im Dunkeln und bei Schneetreiben besonders in Erinnerung ist. Die restlichen drei Fahrstunden absolvierte ich nach dem Umzug in eine andere Stadt mit einem BMW, dann hatte ich meinen Lappen.
Im Alter von 20 Jahren stand ich vor der Frage: Auto ja – oder nein? Auf alle Fälle würde es teuer werden, und ich hatte kein Geld. Ich stand in einer Umschulung zum Grafischen Zeichner, wir waren eine Klasse mit elf Auszubildenden, und das war mein Glück. Ein Kollege bot seinen Käfer, Baujahr 1954, zum Verkauf an und wollte sagenhafte 200 D-Mark dafür haben. Die Gier nach einem Auto überwog, sodass ich das Geld zusammenkratzte, dann war ich stolzer Besitzer eines VW Käfer 1200 Standard „Ovali“. Farbe schmuddelgrün, Faltschiebedach, kleine Heckscheibe, beim Vorgängermodell war sie noch geteilt, simple Stoßstange und ein Innenraum mit fleckigem Himmel. Am Armaturenbrett ein einziges Rundinstrument, der Tacho. Der reichte bis 120 km/h, mit einem Hubraum von 1192 Kubik und 30 PS eine utopische Geschwindigkeit, ansonsten müffelte er streng.
Immerhin, er fuhr, und es reichte für die ersten Touren durchs Weserbergland. Aber mein Kollege wusste wohl, warum er ihn verkaufen wollte. Der Motor begann zu husten, stotterte, stieß schwarze Qualmwolken aus und verreckte schließlich. Gekauft wie gesehen. Man jammerte nicht, man fuhr zu Kalle Günther. Der besaß an der Ausfallstraße von Bad Pyrmont nach Hagen eine Tankstelle mit einer kleinen Werkstatt, daneben eine Grube. Wir, das waren meine Freunde und ich, durften diese Grube benutzen, um selbst an unseren Autos herumzuwerkeln. Und wenn ein Werkzeug fehlte, rückte Kalle Günther eins aus der Werkstatt heraus. Man fuhr das Auto über die Grube, machte Ölwechsel, fummelte an den Trommelbremsen, schraubte am Motor herum und lernte die einfache Motortechnik kennen. So brachten wir meinen Käfer wieder zum Laufen.
Bei einem anderen Kollegen, auch Käfer-Besitzer, wechselten wir den Motor selbst aus, den Austauschmotor hatten wir von einem Autofriedhof aus einem Unfallwagen besorgt. Auto auf die Grube fahren, einige Schrauben lösen, Schläuche abziehen, dann fasste man den Motor an den Auspuffrohren wie eine Schubkarre, zwei Mann an den Seiten – und zack, war der Motor gewechselt. Nach dem ersten Käfer kam der zweite Käfer. Baujahr 1960, Export-Version, große Scheibe hinten, üppige Stoßstange und in Arktisblau. Leicht ramponiert, mit einem losen Kotflügel, der nur an zwei Schrauben hing, heraushängendem Scheinwerfer und nicht funktionierender Handbremse. Aber für 60 Mark Kaufpreis konnte ich nicht meckern …
Gleich bei der ersten Ausfahrt stoppte mich die Polizei, nahm das Auto in Augenschein und stellte mir ein Ticket über 50 Mark aus, fast der Kaufpreis. Natürlich wurde wieder bei Kalle Günther mit eigenen Händen repariert, nun hatte das schöne blaue Auto einen grauen Kotflügel. Immerhin fuhr es mich rund 60.000 Kilometer, bevor ich später auf einen Ford Taunus 17 M „Badewanne“ umstieg. Doch bis heute haben mich das Motorengeräusch und der Innenraumgeruch meiner VW Käfer geprägt.“




