Über Stauden staunen

Der Pflanzplan im eigenen Gartenbuch: Handschriftlich vermerkt, ist er eine tolle Gedankenstütze und in digitalen Zeiten fast schon ein kunstvolles Relikt. Foto: ey

Der Pflanzplan im eigenen Gartenbuch: Handschriftlich vermerkt, ist er eine tolle Gedankenstütze und in digitalen Zeiten fast schon ein kunstvolles Relikt. Foto: ey

Von A wie Akelei bis Z wie Ziest: Sie benötigen Pflege und ein bisschen Liebe

VON JENS F. MEYER

Im Gärtnerjargon ist der Begriff Staude vollkommen klar. Wer sich hingegen selten mit der Flora beschäftigt, weiß nichts oder nur wenig über Stauden; allenfalls wird zwischen Bäumen, Büschen, Sträuchern und anderem Grünzeug unterschieden – mit Ausnahme des „Grünzeugs“ (was auch immer damit gemeint sein mag) handelt es sich von diesem Standpunkt aus aber fast ohne Ausnahme um Gehölze. Sie wiederum unterscheiden sich von den Stauden immens.

Größter Unterschied: Auch im Winter bleiben bei den Gehölzen die oberirdischen Pflanzenteile bestehen, während diese bei den meisten Stauden absterben; nur der Wurzelstock überlebt. Im nächsten Frühjahr treiben sie wieder aus und entwickeln neuen Flor.

Zur Pflege gehört unabdingbar der Schnitt

Damit wäre die Grundlage geklärt; ein Basiswissen, das den meisten Gartenbesitzern wohl geläufig ist und dennoch immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss. Denn zur Pflege von Stauden gehören unabdingbar der Rückschnitt vor dem Neuaustrieb und ebenso das Teilen des Wurzelstocks, denn bei richtiger Pflege und Standortwahl können Staudenpflanzen ziemlich alt werden. Pfingstrosen erreichen spielend 40 Jahre und mehr! Speziell die Päonien verlangen im Gegensatz zu den meisten anderen Stauden sogar, in Ruhe gelassen zu werden, umso wohler fühlen sie sich. Andere benötigen allerdings Verjüngung. Das bedeutet, dass das Wurzelgeflecht von Zeit zu Zeit mit der Grabegabel (besser als mit dem Spaten, weil: nicht so zerstörerisch) ausgehoben und vorsichtig mit den Fingern geteilt wird, um sie zu frischem Neuaustrieb zu bringen.

Zu alt gewordene Stauden lassen an Blütenflor vermissen und fallen auseinander. Faustregel: Wenn die Pflanze noch vor der Hauptblüte auseinanderfällt, ihre Form verliert, die Blätter gilben und auch die Blüte nicht mehr so üppig sich entwickelt, muss verjüngt werden – in der Regel alle fünf bis sieben Jahre. Viel kann man dabei nicht falsch machen; selbst eine rigide Vorgehensweise wird die Pflanze nicht umbringen. Wer’s mit Vorsicht versucht, macht’s trotzdem besser. Das Teilen des Wurzelstocks jetzt im Herbst (wahlweise auch im Frühling, aber nicht zu spät, sondern unbedingt vor dem Neuaustrieb) erbringt im Übrigen nicht nur die Auffrischung der bestehenden Staude, sondern vermehrt sie. Die abgetrennten Geflechte ergeben weitere Pflanzen. Auf diese Weise lassen sich die an Zuchtsorten hochgeschätzten Eigenschaften wie Blühdauer, Farbe und Resistenz gegen Krankheiten am besten erhalten. Über Samen funktioniert dies nur bei wenigen Sorten.

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Die Arbeit mit Staudenpflanzungen bereitet viel Freude. Ein Umstand, der zu dieser Erkenntnis führt, ist die Verlässlichkeit. Über die Frosthärte und Qualität der Pflanzen hinaus ist aber vor allem der Boden für einen guten Wuchs und eine schöne Blüte von Bedeutung. Nach dem Teilen von bereits im Garten bestehenden Stauden ist demnach das Zuführen frischer, guter Erde und Komposts anzuraten.

Bei Neuanpflanzungen versteht es sich von selbst, die Standortbedingungen so gut wie möglich zu schaffen. Die Standortwahl muss erste Priorität haben. Pflanzen bester Qualität können auf falsch besetztem Boden nie zu voller Pracht heranwachsen, zumal sie im Schatten kränkeln, wenn sie nach Sonne verlangen, und umgekehrt. Herbst und Frühling bieten Gelegenheit, falsch gesetzte Stauden umzusetzen. Niemand ist perfekt.

Standortbedingungen verändern sich mit der Zeit

Bisweilen schätzt man Standorte sonniger oder schattiger ein, als sie in Wahrheit sind. Zudem ist der Zuwachs nebenstehender Gehölze nicht zu unterschätzen. 30 Zentimeter pro Jahr sind keine Seltenheit; nach und nach werden voll sonnige Bereiche dann zu halbschattigen Plätzen. Wenn dort der nach Wärme lechzende Sonnenhut steht, wird er sich weniger wohlfühlen als vorher. Die Gewöhnung von Stauden an Standorte ist viel schwieriger als die von Gehölzen. Nicht standortgerecht gepflanzt werden sie nie so blühen können, wie es die schönen Fotos in den Bildbänden großer Verlage visualisieren.

„Allein in der Art und Weise, wie die Gartengestaltung angegangen wird, liegt der Unterschied zwischen gewöhnlichem und gekonntem Gärtnern. Ein Garten muss im wörtlichen Sinn entstehen. Das bedeutet in der Praxis: Jede Pflanze oder jede Pflanzengruppe ist mit bedachtsamer Sorgfalt und klarer Absicht anzusiedeln, sodass sie Teil eines harmonischen Ganzen wird“, hat die berühmte englische Gärtnerin und Schriftstellerin Gertrude Jekyll einmal gesagt.

Dem wäre nichts hinzuzufügen, außer, dass sie absolut recht hat.

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BEETGEFLÜSTER

Träumen werden wir

Frosty Morn heißt eine Züchtung der Hohen Fetthenne (Sedum telephium), was in etwa „Frostiger Morgen“ bedeutet. Sie blüht lange vor den ersten Minustemperaturen; wenn man so will, hält sie mit ihrem Sortennamen die Erinnerung an die kalte Jahreszeit auch dann wach, wenn im Spätsommer noch Hitze ist. Das ist schön, finde ich, denn im Sommer an den Winter zu denken, ist nichts Verwerfliches, denn wir denken im Winter ja auch gerne an den Sommer, nicht wahr? Ich liebe nicht nur die Jahreszeiten mit diesem unwiderstehlichen Wuchswumms, wenn aus Knospen Blüten und Früchte werden, Dolden sich entfalten, Äpfel, Birnen und Beeren reifen. Ich verehre ebenso den Herbst mit seinem goldengelb-rötlichen Kleid und den Winter, wie er all das Leben in einen Dornröschenschlaf auf Eis legt, in Nebel, Raureif und Schnee hüllt, als wolle er uns jeden Morgen ein neues Kunstwerk präsentieren, während wir gedankenversunken mit schwarzem Kaffee am Küchenfenster stehend in die Welt hinausblicken. Es ist die Zeit, in der wir Beetflüsterer davon träumen, wie der Rittersporn sein schönstes, tiefstes, hellstes, blauestes Blau entfaltet und über dem dunklen Teppich aus Kriechendem Günsel nach und nach ein bläulich-roséfarbener Schimmer glüht. Wir blicken in die Kälte hinaus, empfinden aber Wärme in unseren Herzen, weil wir den Sommer auf ewig in uns tragen, solange wir den Garten uns als Wegbegleiter erhalten. Wir träumen uns durch Raum und Zeit bis weit hinaus über die eigenen Ackergrenzen. Ich schließe die Augen und höre die Wasser in Ada Hofmanns Teichgärten plätschern, ich blicke zum grauen Gewölk, das mir alle Himmel öffnet, um in Erinnerungen an den Jardin La Clé du Temps (Wallonie) zu schwelgen, ich hole mir die kleinen Augenblicke und großen Momente in den fantastischen Gärten der Normandie zurück, in denen mir nichts als Freude über die Seele huschte und wir in Liebe wandelten. Träumen werden wir, gemeinsam mit Freunden und ebenso in uns selbst versunken. Lassen wir den Winter zum Saatkorn für all unsere Hoffnungen auf einen nächsten Sommer werden.

Herzlichst, Ihr
Jens F. Meyer