Morgen, dann kann die Stadt Lügde wieder ihr jährliches Großereignis begehen, den traditionellen Osterräderlauf am Ostersonntag, 5. April. Gewaltige Eichenräder donnern am Abend bei Dunkelheit den Osterberg hinunter, und Tausende Zuschauer auf dem Berg, an der Strecke und im Tal beobachten und bejubeln dieses feurige Spektakel.
Von Rudi Rudolph
Lügde. Jedes Jahr kommen sechs Räder zum Einsatz, die mit speziellem Roggenstroh, das besonders lang sein muss, gestopft sind, dann entzündet werden und von starken Männern, den Dechen, angeschoben und zum Rollen gebracht werden. Ein Rad wiegt rund 280 Kilogramm, ist seit Generationen 1,70 Meter hoch und besteht aus 4 Lagen Holz mit einer Breite von etwa 30 Zentimetern.
Ein Brauch, der den Winter verjagt
Der Brauch reicht weit in die Vergangenheit zurück. Schon lange vor Christi Geburt entzündeten Vorfahren erste Freudenfeuer, vermutlich zu Ehren der Göttin Ostara, um den verschwindenden Winter mit seinen kalten und dunklen Nächten zu verabschieden. Das Licht, dargestellt durch das Feuer, triumphiert über die Dunkelheit. Diesen alten Brauch pflegen die Dechen. Der Begriff „Deche“ stammt aus dem Mittelalter. In einer Kirchenaufzeichnung 1410 wird von Kirchendechen berichtet. Diese hatten die Aufgabe, alle Riten und Gebräuche zu überwachen und sind somit Brauchtumsüberwacher. Im Zuge der Christianisierung des Feuerräderlaufs zum Osterräderlauf übertrug man diese Bezeichnung auf die Ausübenden dieses alten Brauchs.
Der Dechenverein Lügde zählt rund 600 Mitglieder, von denen die zahllosen Arbeiten zum Fortbestand des Brauches erfüllt werden. Hierzu zählen unter anderem die Vorbereitungen des Räderlaufs, wie beispielsweise das Haselnussdrehen und das Wässern der Räder in der Emmer sowie auch die Erhaltung der zahlreichen Sicherheitsanlagen mit Fangzäunen und Absperrungen.
Vielseitiges Programm für alle Besucher

Die Besucher erwartet auch in diesem Jahr ein vielseitiges Programm rund um den Osterräderlauf. Schon am Karsamstag, 4. April, geht’s ab 14 Uhr im Emmerauenpark los, wo eine bunte Reihe Anbieter mit Buden und Ständen sowie gastronomischen Spezialitäten und Getränken wartet. Ab 16 Uhr gibt der Fanfarenzug aus Brake ein Konzert, und ab 17 Uhr beginnt mit dem Einholen der Räder das Fest. Die lagen eine Woche lang in der Emmer, um sich für ihren Lauf ordentlich mit Wasser vollzusaugen und resistenter gegen das Feuer zu sein. Dann erfolgt ein kleiner Stadtrundmarsch unter musikalischer Begleitung des Fanfarenzugs Brake.

Am Ostersonntag ist dann der große Tag, an dem die Besucher von allen Seiten in die Stadt strömen. Die wird an allen Zufahrten abgesperrt, so dass ein Zugang nur gegen eine Eintrittsgebühr von 10 Euro möglich ist (Kinder bis einschließlich 15 Jahre frei). Um 13 Uhr gibt das Blasorchester der Stadt Lügde ein Konzert auf dem Marktplatz, und im Emmerauenpark beginnt ein buntes Unterhaltungsprogramm. Etwa gegen 14 Uhr werden die Räder auf den Osterberg gebracht. Transportiert werden sie auf einem alten Leiterwagen, den auf dem ersten Teil der Wegstrecke zwei kräftige Kaltblüter ziehen, begleitet durch das Blasorchester der Stadt Lügde, den Mitgliedern des Dechenvereins und zahlreichen Prominenten.
Am Fuße des Osterbergs übernimmt ein Oldtimer-Traktor die Fuhre und legt den Rest des Weges zurück. Zirka 15 bis 18 Uhr ist auf dem Berg das Stopfen der Osterräder im Gange. Bei Einbruch der Dunkelheit setzt die Illumination des gesamten Emmerauenparks ein, und es verbreitet sich eine fast mystische Stimmung. Voller Erwartung sammeln sich die Menschen, um einen möglichst guten Blick auf das Hauptereignis zu haben, das gegen 21 Uhr beginnt. Auf dem Osterberg lodern die Flammen des Osterfeuers schon hoch, ein Schuss aus der historischen Kanone kündigt das erste Rad an. Und dann rollt es an, gewinnt an Geschwindigkeit und donnert den Hang hinab – hoffentlich gerade und ohne zur Seite auszubrechen! Denn laufen alle Räder gut, so die Überlieferung, wird auch die Ernte in diesem Jahr gut ausfallen. Den Schlusspunkt setzt schließlich ein gewaltiges Feuerwerk, und im Anschluss lässt sich noch bei der Osterdisco im Festzelt im Emmerauenpark toll weiterfeiern. Am Ostermontag klingen die Tage mit einem bunten Unterhaltungsprogramm im Emmerauenpark aus.
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Programm und Ablauf
Karsamstag
ab 14 Uhr Programm im Emmerauenpark
16 bis 18 Uhr Konzert des Fanfarenzugs aus Brake
ab 17 Uhr Einholen der Osterräder aus der Emmer unter musikalischer Begleitung durch den Fanfarenzug Brake mit anschließendem Umzug durch die Altstadt
Ostersonntag (Eintritt: 10 Euro, Kinder bis 15 Jahre frei)
13 bis 14 Uhr Konzert des Blasorchesters der Stadt Lügde auf dem Marktplatz
ab 14 Uhr buntes Unterhaltungsprogramm im Emmerauenpark
ca. 14 Uhr Umzug mit den Rädern durch die Kernstadt zum Ziel auf dem Osterberg
ca. 15 bis 18 Uhr Stopfen der Osterräder® auf dem Osterberg. Bei Einbruch der Dunkelheit stimmungsvolle Illumination des gesamten Emmerauenparkes
ca. 21 bis 22 Uhr Osterräderlauf® mit anschließend grandiosem Feuerwerk
ab 22 Uhr Osterdisco im Festzelt im Emmerauenpark
Ostermontag
Buntes Unterhaltungsprogramm im Emmerauenpark
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Ein Blick auf die Anfänge des Kults
Das Feuerrad und die Sonnenscheibe
Die Geschichte des Feuerräderlaufs in Lügde beruht auf einem alten Brauchtum, möglicherweise auf einen heidnisch-germanischen Sonnenkult. Am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond lässt man in Lügde brennende Räder anfangs von drei Bergen ins Tal der Emmer rollen. Das Feuerrad gilt als Sinnbild der Sonnenscheibe, sie weckt die Erwartung auf den nahenden Frühling. Die brennenden Räder symbolisieren die Kraft des Lichtes. Das Licht erhebt sich über die Dunkelheit des scheidenden Winters.

784 feierte Karl der Große in der kurz zuvor errichteten Hallenkirche (Vorgängerbau der heutigen Kilianskirche in Lügde, die 1150 errichtet wurde) das Weihnachtsfest. Er wollte den Feuerräderlauf verbieten. Er habe dann aber auf Bitten der Bevölkerung den damals heidnischen Brauch als Symbol der Auferstehung Christi geduldet. Seitdem spricht man in Lügde vom Osterräderlauf. Historiker berichten auch vom Feuerkult und Feuerbräuchen an anderen Orten. In der Lorscher Klosterchronik gibt es eine der ältesten Aufzeichnung aus dem deutschsprachigen Raum. Aufzeichnungen gibt es auch aus der Gegend von Würzburg von 1520. Auch im südlichen Frankreich und im englisch-irischen Raum war das Feuerrad bekannt. 1743 erteilte der Generalvikar von Wydenbrück dem Bürgermeister von Lügde, Wolfgang Barkhausen, und der Stadt Lügde den Befehl, das Laufen der Osterräder abzuschalten, da durch den Lauf der Räder viel Lärm und Versündigung verursacht würde. Doch die Lügder hielten sich nicht an dieses Verbot. Wie ein Protokolleintrag über das Herabrollen der Osterräder von den drei Stadttoren bestätigt. Bereits 1779 gibt es eine Notiz im Stadtarchiv von Lügde, dass Eichenholz für ein Osterrad geliefert wurde. Am 2. April 1781 versuchte der Bischof von Paderborn, Wilhelm Anton von Asseburg, erneut, den Osterräderlauf in Lügde unter Androhung von Zahlung von 5 Talern Strafe zu verbieten. Doch auch an dieses Verbot hielten sich die Lügder nicht.
Die Brüder Grimm berichten von 15 Orten in Mitteleuropa in denen Feuerräderläufe stattfinden. Das Räderrollen war laut Gebrüder Grimm auch in dem Moselstädtchen Konz üblich. Dort ließ man die brennenden Räder zur Sonnenwende zu Johanni von Bergen herunterrollen. Auch in Lünsberg bei Ramesdorf, Mittenwald in Oberbayern und in Kärnten liefen brennende Räder.



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Die clevere Finte der Dechen
Selbst in den Kriegen hielten sie standhaft die Tradition
Als der Dechenverein vor über 100 Jahren gegründet wurde, stand das Feuer für die Auferstehung Jesu. Und der Lauf der Räder zu Ostersonntag lockt seitdem viele Besucherinnen und Besucher von nah und fern nach Lügde.
Selbst in den Jahren des Ersten Weltkriegs ließen die Lügder Bürgerinnen und Bürger die Räder ins Tal rollen. Und auch die Vereinnahmung des Osterräderlaufs durch die Nationalsozialisten konnten die Lügder Dechen überstehen. Die initiierten zwar gleich 1934 eine Tausendjahrfeier und reklamierten den Brauch für sich als „unverfälscht germanisch“. Sie machten die Rechnung aber ohne die Dechen, die in einer Nacht und Nebelaktion ein weithin sichtbares Kreuz aufstellten. Das Foto, auf dem die meisten der subversiven Erbauer an ihrem Kreuz zu sehen sind, ist auch heute noch Sinnbild für die Standhaftigkeit der Dechen.
Bis heute wirkt der Dechenverein und das von ihm bewahrte und jährlich wiederbelebte Brauchtum, nach Einbruch der Nacht sechs Feuerräder vom Osterberg rollen zu lassen. Es zählt mittlerweile zum Immateriellen Kulturerbe. Und selbst im Pandemie-Jahr 2020, als die Durchführung des Osterräderlaufs untersagt war, rollten die Räder – zumindest virtuell. Weltweit hatten die Fans des Festes am Ostersonntag um Punkt 21 Uhr in den Social-Media-Kanälen bei einem extra hierfür erstellten Film das Spektakel mitzuempfinden.













